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Ein Seestern hat Heimweh

von Isabell Müller (Deutsch)

Es war schon spät am Abend, als Nila von ihren Eltern ins Bett gebracht wurde. Ihre Mutter deckte sie zu, während ihr Vater die Fenstervorhänge zusammen zog. „Gute Nacht, Nila!“, sagten sie beide, bevor sie die Zimmertür hinter sich zu machten. Nach einer Weile schlossen sich langsam Nilas Augen. „Klack, klack“, machte es plötzlich. Und wieder „klack, klack“. Was war das bloß für ein Geräusch? Nila war wieder hellwach und schaute sich im ganzen Zimmer um. Sie konnte allerdings nichts Außergewöhnliches erkennen. Doch da das Geräusch nicht aufhörte, richtete sie sich auf und lunste über das Kinderbettgitter. „Hier! Hier drüben bin ich!“, sagte eine leise Stimme. „Was?“, fragte Nila suchend. „Hier oben im Regal, neben dir!“, sprach die Stimme erneut. Nun machte es wieder
„klack, klack“ und plötzlich flog etwas in hohen Bogen vom Regal auf den Boden. „Meine Spielzeugtasche!“, stellte Nila erschrocken fest. Auf einmal wurden ganz viele Stimmen laut: „He, du hast uns aufgeweckt!“ „Kann man hier nicht in Ruhe schlafen?“ „Geh’ von mir runter!“ Beim genaueren Betrachten sah Nila wie ihre Badespielzeugfiguren, die in der Tasche waren, miteinander sprachen.

Ganz außen am Taschenrand drängte sich ihr gelber Lieblingsbadestern. „Kannst du die Tasche öffnen? Bitte, ich muss hier raus!“, flehte er Nila an. Nila hielt sich mit beiden Händen am Gitterrand fest und schwang ihr rechtes Bein über das Bett. Als sie ihr linkes Bein nachzog, rutschte sie mit den Händen ab und plumpste mit dem Po auf den Boden. Der Stern erschrak sich. Wenn Nila jetzt weinte, würden ihre Eltern ins Zimmer kommen. Ihr schossen schon ein paar Tränen in die Augen. „Guck mal hier her“, rief der Stern und drehte sich im Kreis während er Grimassen schnitt. Nila musste sofort lachen und die Tränen waren schnell vergessen. Nun richtete sich Nila auf und ging zur Tasche, um sie zu öffnen. Sie nahm den Stern heraus und legte ihn neben sich hin. „Warum willst du von hier weg?“, fragte sie ihn. „Ich bin ein Seestern“, antwortete er ihr. „Den ganzen Tag liege ich im Trockenen. Dabei wünschte ich mir endlich wieder im großen, weiten Meer zu sein. Dort gehöre ich hin.“ Nila verstand nicht wirklich was der Stern wollte. Schließlich gingen sie manchmal baden. „Weißt
du wo das Meer ist?“, fragte der Stern. Nach kurzem Überlegen nickte Nila, „Ich gehe dort manchmal mit meinen Eltern hin, um Enten zu füttern.“ Plötzlich schnaubte und kratzte es vor der Kinderzimmertür. „Pssst. Draußen ist jemand!“, sagte der Stern und versteckte sich hinter Nila. Nila stand auf und schaute durch das Schlüsselloch. Der Stern hatte Recht. Vor der Tür stand Taps, ihr neugieriger Hund. „Keine Sorge. Das ist nur Taps“, versuchte sie den Stern zu beruhigen. Nila nahm ihren Lieblingsstern in die Hand und öffnete Taps die Tür. Taps schlenderte langsam ins Kinderzimmer und murmelte, „Hast du einen Nachtsnack für mich?“ „Nein, nur auf dem Tisch ist etwas Butterbrot.“, antwortet Nila ihm. Taps schnupperte mit noch gehaltener Nase. „Hier riecht es doch
eindeutig nach Wurst!“, stellte er fest und wanderte beim Schnuppern weiter bis er mit seiner Nase in Nila’s Haaren hing. Enttäuscht widmete er sich wieder dem Butterbrot. Nachdem Taps das Brot verschlungen hatte ging er zu Nila, „Was hast du in deiner Hand?“, fragte Taps wissbegierig. Nila erzählte ihm von ihrem Lieblingsstern und seinem Wunsch zum Meer zu gelangen. Taps sagte während er sich neben die beiden legte und seinen Kopf auf den Pfoten abstützte, „Die Wohnungstür ist abgeschlossen. Da bleibt wohl nur der Weg durch das Fenster übrig.“ Dann schaute er Nila an „Habe ich schon mal etwas von meinem Urgroßonkel, dem fliegenden Drachen, erzählt?“ Nila und der Stern wusste nur vage wer oder was ein Drache ist und hörten Taps gespannt zu. „Ich bin sozusagen ein Halbdrache. Ich habe zwar schon lange meine Flugkünste nicht mehr auf die Probe gestellt, aber so etwas verlernt man schließlich nie.“ Taps richtete sich auf und fügte noch schnell hinzu, „Allerdings mache ich das Ganze natürlich nicht umsonst.“ Also musste Nila ihm versprechen von nun an immer
doppelt soviel Essen auf den Boden zu werfen wie bisher. Taps hüpfte auf den Stuhl vor dem Fenster und öffnete es mit seinem Maul. Als er wieder herunter sprang rief er, „Dann kann die Reise los gehen. Ich hoffe einer von euch kennt den Weg!“. Nila nickte und schaute traurig ihren Lieblingsstern an. „Du kannst mich doch immer beim Enten füttern besuchen“, sagte er zu ihr und fügte hinzu, dass er regelmäßig an Land kommen würde. Taps unterbrach die beiden, „Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zum Morgen. Steigt auf meinen Rücken und haltet euch gut fest“. Nun konnte es los gehen. Taps sprang vor das Fenster und neigte nochmals seinen Kopf zu Nila, die sich fest an ihn drückte und mit einem weiteren Sprung flogen sie ins Freie. Die Nacht war klar und bis auf einen Luftzug angenehm warm. Sie flogen über den Dächern der Häuser und der Mond leuchtete ihnen den Weg. Nach einer Weile deutete Nila nach unten, „Wir sind angekommen. Hier ist das Meer.“ Wie ein verschwommenes Spiegelbild sahen sie sich und den Himmel im Wasser schimmern. Taps flog langsam nach unten und ließ den Stern vorsichtig fallen. „Tschüss und danke für alles.“, rief dieser ihnen vom Wasser aus entgegen. Beim Umkehren schaute Nila ihrem Lieblingsstern nach, bis sie ihn nicht mehr erkennen konnte. Die ersten Sonnenstrahlen machten sich am Horizont bemerkbar. Taps und Nila mussten sich
beeilen, um zurück zu sein, bevor jemand das Kinderzimmer betrat. Doch zum Glück verlief auch der Rückflug ohne weitere Probleme. In Nilas Zimmer angekommen schloss Taps hinter sich leise das Fenster. Und Zack war Nila wieder im Bett. Von ihrem nächtlichen Abenteuer übermüdet schlief sie
sofort ein. Taps versteckte sich hinter der Tür und schlich heraus als Nilas Eltern sie am Morgen weckten.

 
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