Das Einschlafschaf
- Nummerntausch im Schäfchenland -
von Berit Köhnemann (Deutsch)
Kennt ihr das? Es ist schon spät und eigentlich seid ihr auch müde, aber ihr könnt einfach nicht einschlafen. Ihr wälzt euch von einer Seite auf die andere, versucht an nichts bestimmtes zu denken - doch was ihr auch tut, es will einfach nicht klappen mit dem Einschlafen. Aber halt, da war doch noch etwas. Nämlich das, was als letzte Möglichkeit gilt, wenn alle anderen Versuche gescheitert sind - ihr fangt an Schäfchen zu zählen.
Und genau dort bei den wolligen Freunden beginnt auch die Geschichte vom Einschlafschaf: Das Schäfchenzählen ist eine uralte Tradition - hilft garantiert immer - doch wusstet ihr, dass es eine Nacht gab, in der niemand mehr schlafen konnte, weil so ein kleines Schaf… - ach, ich sehe schon, wir fangen am besten ganz von vorne an. Ihr kennt doch alle den Ort hoch oben in den Schäfchenwölkchen, wo die Schafe leben, die euch das Einschlafen erleichtern. Das sind nur die liebsten und fleißigsten Schäfchen, die durch harte Arbeit für wohlig warme Schläfchen sorgen. Nacht für Nacht sieht man sie über den Zaun springen. Sie hüpfen und rennen für jeden, der in dieser Nacht nicht schlafen kann - und das sind manchmal ganz schön viele. Für die kleinen Schafe ist das ziemlich anstrengend – und noch einmal über den Zaun 1, 2, 3, …46, 47, …100 - wieder jemand sanft eingeschlummert.
So ging das Nacht ein Nacht aus über viele Jahre hinweg, bis es einst geschah - und das ist noch gar nicht allzu lange her - dass niemand mehr schlafen konnte. Und das kam so: Jedes Schaf hatte eine Nummer auf sein Fell geschrieben und wusste somit genau, wann es zu springen hatte, um die Reihenfolge der Schafe einzuhalten. So gab es zum Beispiel das Schaf mit der Nummer 14, das als vierzehntes zu springen hatte. Und die Schafe mussten sehr gut aufpassen, denn sprang eines zu schnell, prallte es in das Vorherige hinein und verursachte damit ein heilloses Durcheinander. Oder eines fiel hin, sprang zur falschen Zeit oder fehlte sogar - dann konnte der Schlaflose nicht weiterzählen und war wieder hellwach. Das war allerdings noch nie passiert. Bis zu der gewissen Nacht, in der die Schafe beim Springen zum ersten Mal nicht bis zum Ende kamen.
Alles schien wie in jeder gewöhnlichen Nacht. Das erste Schaf war gesprungen und die anderen folgten der Reihe nach. Gerade war die Nummer 97 gesprungen, doch das 98ste Schaf war nicht da. Es lag auf einer Wolke und schlief. Die anderen Schafe trauten ihren Augen nicht. Das Schaf, das den Menschen beim Einschlafen helfen sollte, schlief selber seelenruhig vor sich hin - das hatten sie noch nie erlebt. Hastig weckten sie es und die Nummern 99 und 100 waren auch schon längst zum Sprung bereit, aber es war bereits zu spät - die Menschen waren wieder wach. So eine Katastrophe!
Das Schaf Nummer 70 war richtig sauer. „Was hast du dir bloß dabei gedacht?“, fragte es das kleine Schaf. „Durch deine Faulheit können wir all den Menschen heute Nacht nicht helfen - du Einschlafschaf!“ „Ja, genau“, rief jetzt auch die gesamte Schafherde, „du bist ein richtiges Einschlafschaf!“ Einschlafschaf? - Nummer 98 war beschämt und traurig zugleich. Die Arbeit machte ihm so viel Freude und nun das - wie peinlich! Nummer 61 fragte: „Warum bist Du denn eigentlich eingeschlafen?“ „Ich weiß es doch auch nicht!“ - das Einschlafschaf war ganz verwirrt. „Dann werden wir das heute Nacht herausfinden.“ Die Schafe waren fest entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen und dem armen Schäfchen zu helfen. Auch dieses Mal sprang die Nummer 1 zuerst, kam aber gleich zurück, um das Einschlafschaf bis zu seinem Sprung zu beobachten. Es saß ganz friedlich da und - zählte! 4, 5, 6, 7, …78, 79 - und da war es auch schon wieder eingeschlafen. Gerade noch rechtzeitig wurde es geweckt und konnte nach der Nummer 97 springen. Traurig und mit gesenktem Kopf trottete das Einschlafschaf zurück. Es war schon wieder eingeschlafen und fürchtete sich sehr vor der Reaktion der anderen Schafe.
Doch als es wieder bei der Schafherde ankam, lachte die Nummer 1: „Du hast ja mitgezählt!“ „Natürlich!“, entgegnete das Einschlafschaf, „sonst weiß ich doch gar nicht wann ich dran bin.“ Jetzt lachten auch die restlichen Schafe. Während es geduldig auf seine Nummer wartete, hatte das kleine Schäfchen all die vorherigen Schafe gezählt und war eingeschlafen, bevor es selbst an der Reihe war. Dummes kleines Einschlafschaf - wer hätte besser wissen müssen, dass man vom Zählen müde wird? Jedes Schaf trug doch eine Nummer auf der Wolle - da hätte das Schäfchen nur mal schauen müssen. Nun wussten alle, warum das Einschlafschaf immer einschlief und so beschlossen sie etwas, das in ihrer Geschichte einzigartig geblieben ist: Sie tauschten Nummern. Das Schaf mit der Nummer 4 war bereit, dem Einschlafschaf seine Nummer zu überlassen, damit es ganz zu Anfang springen konnte und nicht erst lange zählen musste - so würde es nie wieder vorher einschlafen. Das Einschlafschaf war so froh über diesen Tausch, dass es sogleich mehrere Male über den Zaun sprang, obwohl es gar keinen gab, der gerade nicht einschlafen konnte. Es hüpfte und sprang und rannte und wollte gar nicht mehr aufhören, so glücklich war es über seine neue Nummer. Und so geschah es, dass von nun an wieder jeder schlafen konnte, der sich letzten Endes dazu entschlossen hat, Schäfchen zu zählen. Und komischerweise ist die Nummer 4 noch immer das Schaf, das am höchsten und fröhlichsten springt - oder habt ihr das etwa noch nicht gemerkt? |