Am Ende des Regenbogens
von Miriam Hurst (Deutsch)
Dicke Regentropfen trommelten gegen das Fenster. Der Wind heulte um die alten Burgmauern, als singe er ein Lied.
Prinzessin Johanna von Cullisheim, saß auf einem Sessel am Fenster und hörte ihrer Tante Miriam kaum noch zu. Stattdessen starrte sie aus dem Fenster. Ein leichter Nebelschleier überzog das Land und der Sturm wollte scheinbar gar kein Ende nehmen.
Miriam ließ schließlich das Buch, aus dem sie gerade vorlas, sinken. „Johanna, liebes Kind. Du hörst mir ja gar nicht zu!“ Sagte sie tadelnd, jedoch mit einem schmunzeln auf den Lippen, zu ihrer Nichte.
„Oh doch Tante!“ Entgegnete Johanna eifrig. „Ich kann es nur kaum erwarten bis der Regen endlich aufhört und ich den Schatz suchen kann.“
„Welchen Schatz denn?“ Fragte die Tante verblüfft, legte das Buch zu Seite und erhob sich von ihrem Sitzplatz. Ihr schönes, dunkelblaues Kleid raschelte, als sie sich zu Johanna auf den Sessel setzte und sie auf den Schoß nahm.
„Na den Schatz am Ende des Regenbogens von dem du gerade vorliest!“
„Aha, du hast mir ja doch zugehört.“
„Aber natürlich Tante! Ich werde den Topf voller Gold finden und den Frosch küssen und meinen Edlen Prinzen heiraten und viele neue Kleider haben und dann werden wir den Brotkrümeln nach Hause folgen.“
„Da hast du aber ein bisschen was verwechselt mein Kind.“ Sagte die Tante lachend.
„Ne, hab ich gewiss nicht!“ Sagte Johanna und schüttelte ihren Kopf, so dass ihre goldblonden Locken in alle Richtungen flogen.
So machte sich das Mädchen, als der Sturm schließlich ein Ende gefunden hatte auf den Weg. Sie zog ihre warmen Stiefel an und warf den gefütterten Umhang über.
Unheimlich waren die dunklen Gänge der Burg. Hin und wieder brannte eine Fackel, in einer eisernen Wandhalterung und warf gruselige Schatten an die Wände. Dann ging sie eine schmale, steinerne Treppe hinunter, öffnete die quietschende Tür und stand endlich im Innenhof der Burg. Bis hinaus auf die freien Felder war es nicht mehr weit, sie schlüpfte durch eines der kleinen Tore in der Stadtmauer hindurch. Und da sah sie ihn. In den schillernsten Farben die man sich vorstellen konnte. Leuchtendes rot, gelb, blau und grün spannte sich in einem schier endlosen Bogen über ihr.
„Der Regenbogen“. Flüsterte sie ehrfurchtsvoll und schirmte mit der Hand die gleißende Sonne ab, während sie das Naturspektakel betrachtete.
Zielstrebig ging sie querfeldein. Sie stapfte durch matschige Felder und Wiesen, überquerte durch den Regen zu reißenden Flüssen gewordene Bächlein, erklomm die höchsten, steilsten und am gefährlichsten anmutenden Hügel und durchschritt tapfer dunkle Wälder. Schließlich glaubte sie in Ferne etwas erkennen zu können. Jubelnd beschleunigte sie ihren Schritt. Der Wind pustete ihr die Kapuze vom Kopf und ihre Locken stoben davon. Als sie näher kam, merkte sie dass sich das Etwas, dass sie eben noch für den Topf voller Gold gehalten hatte, bewegte. Was konnte das denn nur sein? Fragte sich Johanna.
Schon kurze Zeit später hörte sie fröhliches Lachen und auf einer Lichtung, umgeben von den fallenden bunten Herbstblättern, sah sie einen Jungen fröhlich umher springen.
Eine Weile stand sie da, im Schatten der Bäume und beobachtete das andere Kind, während es lachend versuchte die herab fallenden Blätter zu fangen. Irgendwann entdeckte er sie.
„Wer bist du und was tust du hier?“ Fragte der Junge
„Ich bin Prinzessin Johanna und suche den Schatz am Ende des Regenbogens.“
„Ich bin Prinz Gideon und ich suche auch den Schatz am Ende des Regenbogens!“ Erwiderte er und lud sie ein, seinen Proviant, den er mitgebracht hatte mit ihm zu teilen. So saßen die beiden also auf der weichen Decke und ließen es sich schmecken, während sie den Regenbogen betrachteten. So wurden sie Freunde bis an ihr Lebensende und wenn sie nicht gestorben sind dann sitzen sie noch heute dort… |